Heimat ist kein Biedermeier

In seinem Gastbeitrag für die TLZ entwirft Matthias Machnig eine überzeugende Alternative zum technisierten und entkernten Heimatbegriff der Thüringer CDU. Er hat uns seinen Artikel zur Verfügung gestellt und wir veröffentlichen ihn hier im Wortlaut.

Herbert Grönemeyer liegt absolut richtig. In einem seiner Songs heißt es: „Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl“. Heimat heißt Sicherheit, Nähe zu Eltern, Freunden und Verwandten, Verlässlichkeit, tiefes Vertrauen und steht in einem emotionalen wie auch räumlichen Zusammenhang. Heimat ist entscheidend und nicht verhandelbar. Heimat stiftet Identität: Durch soziale Beziehungen, Bildungschancen, durch Werte, Weltanschauung, all das wird dort geprägt, wo man aufgewachsen ist – im Positiven wie im Negativen.

Ein Grundirrtum ist, Heimat durch Kreisgrenzen definieren zu wollen. Heimat ist nicht der heutige Saale-Holzland-Kreis, der Landkreis Schmalkalden-Meiningen oder der Landkreis Nordhausen. Heimat ist viel punktueller und konkreter. Zum Beispiel dort, wo jemand vor ein paar Jahrzehnten auf der Seitenstraße nahe dem Elternhaus provisorisch zwei Tore ausgestellt hat, um Jürgen Sparwassers Siegtor bei der WM 74 gegen den späteren Weltmeister BRD nachzuspielen. Vielleicht auch dort, wo sich ein anderer in der Freiwilligen Feuerwehr engagiert hat. Oder dort, wo eine dritte zwar nicht gerne zur Schule gegangen ist, aber einen tollen Freundeskreis hatte. Heimat findet statt auf dem Pausenhof, im Klassenraum, im Jugendklub, im Vereinsheim oder an vielen anderen vertrauten Orten, an denen man von Freunden und Familie aufgefangen wird.

Ein Beispiel: Hans B. Bauerfeind, heutiger Chef der gleichnamigen Firma, kam 1991 aus dem Westen zurück, investierte Millionen in die Ausweitung von Produktion und Innovation und erwirtschaftet heute weltweit mit 2.000 Beschäftigten einen Jahresumsatz von 200 Millionen Euro. Der ausschlaggebende Grund für die Rückkehr: Die Heimatverbundenheit von Herrn Bauerfeind. Heimat, das ist für ihn sicherlich weniger der Landkreis Greiz, auch nicht unbedingt Zeulenroda-Triebes, sondern einfach: Zeulenroda – das ist so, obwohl es formal gar keinen Ort mehr gibt, der Zeulenroda heißt. Tut das der Heimatverbundenheit eines Hans B. Bauerfeind Abbruch? Fühlt er sich in seiner Identität bedroht? Ich glaube nein. Die CDU sollte aufhören, sich auf Kosten der Heimatverbundenheit der Menschen als Thüringen-Partei zu inszenieren.

Hier zeigt sich die Schwäche von Voigt und Carius. In ihrem TLZ-Beitrag gingen sie vor ein paar Tagen der Frage nach, wie wir in unserer Heimat leben wollen. Wie die meisten in der CDU verfallen auch sie dabei dem Fehler, Heimat zu reduzieren, zu bürokratisieren und zu technisieren. Die beiden CDU-Youngster machen Heimat zu einer Frage von Verwaltungsakten und Sparmaßnahmen und drücken damit aus der Heimat jeden Funken Lebendigkeit heraus. Sie sprechen vom demographischen Wandel, von sinkenden Haushaltseinnahmen, von Kosteneffizienz, von der Digitalisierung und dem Wettbewerb Thüringens mit anderen Regionen Deutschlands. Alles große Herausforderungen, keine Frage, aber auch: mehrfach besprochen, Konsens. Und: Was hat das mit Heimat zu tun? Vom Menschen ist nicht die Rede. Außer, wenn über Personalabbau gesprochen wird. Bei diesem Thema werden noch weniger Heimatgefühle geweckt. Carius und Voigt entkernen und entwerten Heimat.

Denn Heimat ist weder Verwaltungsakt noch politischer Biedermeier. Heimat heißt nicht konservieren, selbst wenn man sich seiner Traditionen bewusst ist. Das Gegenteil ist richtig. Im Freistaat machen wir derzeit die Erfahrung, dass gerade die Besinnung auf unsere traditionellen Kernkompetenzen im mittelständischen Bereich bei gleichzeitiger Orientierung auf die Trends der Zukunft zu einem Boom bei Wachstum und Beschäftigung führt. „Hier hat Zukunft Tradition“ heißt das in unserer Standortkampagne, die auch außerhalb der Landesgrenzen eine große Anerkennung genießt und Interesse für unser Land weckt.

Auch mache ich die Erfahrung, dass junge Menschen, die hierher kommen, Thüringen schätzen aufgrund eines interessantes Jobs, der Lebensqualität, der satten Natur, der kurzen Wege und der vielfältigen Kultur. Sie entdecken Thüringen als neue Heimat. Das heißt: Heimat bedeutet dann etwas Positives, wenn sie Chancen bietet, gute Lebensbedingungen, gute Studienbedingungen, eine entwickelte Forschungs- und Wissenschaftslandschaft und innovative Jobs.

Heimat bedeutet Veränderung. Es geht darum, ständig an seiner Heimat zu bauen. Wer kann, der renoviert sein Haus, schafft sich eine neue Küche an, dämmt die Wände, deckt das Dach neu, baut an. Die Gefahr, dass einem die sprichwörtliche Decke auf den Kopf fällt, ist dann am größten, wenn alles so ist und bleibt, wie es immer schon war, wenn sich nichts verändert, alles stagniert und die Menschen eingeengt werden. Dann kann Heimat zu etwas negativem werden. Es gibt auch viele Menschen, die sich schütteln, wenn sie den Begriff Heimat hören. Sie haben ihre Heimat als Enge erlebt, sind mit Vorurteilen aufgewachsen, mit starren Rollenmodellen, Ausländerfeindlichkeit, Homophobie und Intoleranz. Sie haben nicht dieses positive Gefühl, das Herbert Grönemeyer beschrieben hat. Sie wollen ihre Heimat abschütteln.

Wenn wir wollen, dass sich Menschen in Thüringen wohl fühlen und gerne nach Thüringen kommen, dann muss sich Thüringen öffnen. Die größte Anerkennung für einen Bayern ist es, wenn ein Chinese in Lederhose über das Oktoberfest schlendert. Wenn ein afrikanischer Christ die Wartburg als Übersetzungsort des Neuen Testaments besucht oder ein spanischer Wissenschaftler mit dem Opel Adam durch die Thüringer Lande saust, ist das für uns genauso großartig. Der Freistaat ist reich und attraktiv für Menschen von außerhalb, wenn sie denn hier akzeptiert werden. Ich jedenfalls möchte ein Thüringen, in dem mehr als nur 2,3 Prozent der hier lebenden Menschen aus dem Ausland stammen. Für die Heimat der Ort ist, an dem sie aufgewachsen sind oder sich entwickeln und wohl fühlen können; ein Ort mitten in Thüringen, mitten in Europa, mitten in der Welt.

Wir in Thüringen haben in unserer Geschichte jedenfalls sehr gute Erfahrungen mit einem positiv-offenen Verständnis von Heimat gemacht. Immer dann, wenn es Zuwanderung gab, gab es auch Impulse, die bis heute wirken. Goethe kam aus Frankfurt am Main nach Weimar, das durch ihn zu einem kulturellen Zentrum wurde. Henry van de Velde und Walter Gropius, ohne die die Entstehung des Bauhaus im heutigen Thüringen undenkbar wären, stammten aus Antwerpen bzw. Berlin. Und um ein zeitgenössisches Beispiel zu nehmen: Prof. Karlheinz Brandenburg wurde in Erlangen geboren, arbeitete in den USA und entwickelte bekanntermaßen mit einer Handvoll internationaler Kollegen das MP3-Format, bevor nach Ilmenau kam und damit das wissenschaftliche Treiben in Thüringen bereicherte.

Kurzum: Mehr Internationalität würde die Entwicklung hierzulande weiter beschleunigen. Wir brauchen Ideen und Kräfte von außen. Dafür müssen wir mehr Heimat sein. Und dabei gibt es noch einiges zu tun. Wir müssen die internationale Sichtbarkeit erhöhen, Sprachbarrieren abbauen, eine Willkommenskultur im öffentlichen Raum etablieren und ausländische Fachkräfte dauerhaft binden. Ein erster Schritt ist die Einrichtung eines Welcome Centers, eine Idee von internationalen Studenten der Willy-Brandt-School. Diese Initiative werde ich weiter unterstützen.

Wer, wie Voigt und Carius, einerseits der SPD einen Reformunwillen vorwirft, den es nicht gibt, und andererseits von Zukunft spricht, der muss sich auch ehrlich machen. Es ist ja schön, wenn der Verkehrsminister und ein Partei-General von Dingen wie E-Government sprechen. Noch schöner aber wäre es, wenn sich die zuständigen Minister aus dem Finanz- und dem Innenministerium, beide ebenfalls der CDU angehörig, ihren Job erledigen und sich um die Sache kümmern würden. Da das nicht passiert, bleiben viele der toll klingenden Modernisierungsvorschläge nur leere Formeln. Das schließt sich an halbherzige Ankündigungen, wie bspw. die lückenlose Aufklärung der NSU-Gewalttaten an.

Zuletzt muss man sich noch die Frage stellen, was eigentlich von Politikern zu halten ist, die sich weder an die Wünsche der Bürgerinnen und Bürger halten wollen, noch an den Rat von Fachleuten. Eine Expertenkommission, die die Landesregierung selbst eingesetzt hat, schlägt eine Gemeindegebietsreform vor. Damit der Bevölkerungsrückgang nicht in wenigen Jahren zu einer nächsten Reform führen muss, halten es die Experten für sinnvoll, jetzt die notwendigen Veränderungen herbeizuführen. Davon will die CDU aber nichts wissen. Erst bestellt sie das Gutachten, und dann meint sie plötzlich, dass das Ergebnis mit ihr nichts zu tun habe. Sie behauptet, dass das Expertengutachten „keine Basis“ für eine Gebietsreform darstelle. Stattdessen macht sie, wie so oft, virtuelle Politik und produziert Artikel über ihre technokratische Vision von Heimat.

Noch einmal: Heimat ist nicht statisch und vor allem dann attraktiv, wenn sie zukunftsfähig gemacht wird. Wir haben nichts von einer Heimat, die verlassen wird, weil es keinen bezahlbaren Wohnraum, keine gute Jobs und moderne Infrastrukturen gibt. Erfolgreiche Gesellschaften und stabile Gemeinschaften orientieren sich an den Bedürfnissen der Menschen. Dazu gehören gute Verkehrswege und ein dichtes Netz an Öffentlichem Personennahverkehr, faire Mieten, erschwingliche Schwimmbad- oder Konzertbesuche und Bildung, die in hoher Qualität für alle zugänglich ist. Sichere Jobs mit guter Bezahlung sind von zentraler Bedeutung für junge Leute, die eine Familie gründen wollen. Prekäre Beschäftigung und Dumpinglöhne dagegen sind das beste Verhütungsmittel. Wo aber keine Familien gegründet und Kinder geboren werden, da kann nur schwer von Heimat und Zukunft gesprochen werden.

Die CDU ist ein Landrats-Wahlverein. Deswegen sollen die Kreise in ihrer hohen Zahl auch so bleiben, wie sie sind. Nicht mehr und nicht weniger steckt hinter dem Festhalten der CDU am politischen Biedermeier. Um Heimat geht es auf jeden Fall nicht. Und um Thüringens Zukunft schon lange nicht. Denn: Zukunft kommt nicht von allein.

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