Kommentar zur freiwilligen Rente mit 70 Jahren

Die freiwillige Rente mit 70 – Mehr Schein als Sein.

Ein Kommentar von Daniel Gross:

Mit großem Unverständnis habe ich die Beiträge des Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelows und des Thüringer CDU Vorsitzenden Mike Mohring gelesen, die sich beide für eine freiwillige Rente mit 70 Jahren aussprechen und sich „Anreize“ für das Weiterarbeiten erwünschen.

Klingt nach Sommerloch – im Winter. Warum?

Schon heute gibt es genug Anreize über das Renteneintrittsalter hinaus zu arbeiten, insofern man gesundheitlich dazu in der Lage ist. So erhält man, neben den weiteren Einzahlungen in die Rentenversicherung pro Monat 0,5 Prozent mehr Rente – ein Leben lang.

Ein Beispiel: Ein Angestellter mit Durchschnittsverdienst (1 Rentenpunkt pro Jahr) kann mit 65 in die Altersrente eintreten und würde rund 1.200 Euro Rente bekommen. Er arbeitet ein Jahr über das Renteneintrittsalter hinaus und gewinnt so einen Rentenpunkt im Wert von 26,39 Euro (Rentenwert Ost) sowie 12-mal 0,5 Prozent, also 6 Prozent mehr Rente. Hochgerechnet auf seine vorherigen 1.200 Euro ergibt sich daraus eine zukünftige Rente von rund 1.300 Euro. Also 100 Euro zusätzlich im Monat, ein Leben lang. Bei einer zusätzlichen Weiterarbeit von insgesamt zwei Jahren verläuft die Rechnung analog mit zwei Rentenpunkten und zwölf Prozent mehr Rente.

Darüber hinaus sind für „normale“ Altersrentner keine Hinzuverdienstgrenzen gegeben. Auch müssen arbeitende Rentner keine Arbeitslosen- und Rentenversicherungsbeiträge leisten. Auch die Hemmschwelle für Arbeitgeber, Angestellte über das Renteneintrittsalter zu beschäftigen wurde gesenkt. So werden vorher befristete Arbeitsverträge mit Erreichen des Renteneintrittsalters nicht mehr „automatisch“ unbefristet, sondern können befristet fortgeführt werden, sogar mehrfach.

Warum also eine Forderung nach einer freiwilligen Weiterarbeit bis 70 Jahre aufmachen, wenn vorhandene Mechanismen vorhanden sind, aber möglicherweise wenig genutzt werden?

Da klingt die Forderung von Ramelow nach einem zusätzlichen Anreiz wie einer Einkommensteuerbefreiung doch eher wie eine Forderung der Arbeitgeber 2.0.

Sollte daher nicht die Flexibilisierung des Renteneintritts eher früher angedacht werden, vor allen Dingen in Berufen mit hoher körperlicher Belastung?

Diese Frage sollte, meines Erachtens, von den Landes- und Bundespolitikern mit deutlich mehr Nachdruck verfolgt werden, als eine freiwillige Rente mit 70 und zusätzlichen Anreizen.

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