Matschie im Chat bei dol2day

dol2day ist ein die größte deutschsprachige Politik-Community. Hier treffen sich Politikinteressierten, diskutieren über die unterschiedlichsten Themen, führen Umfragen durch und organisieren sich in Internetparteien.

Transkription des chats vom 12.03.2008:

Moderator: Hallo und herzlich Willkommen zum Chat-Event bei dol2day. Unser Chatgast heute ist Christoph Matschie, MdL und Landesvorsitzender der SPD in Thüringen zum Thema „Bildung“.

Moderator: Mein Name ist Maik, Mitglied der Redaktion, und ich moderiere heute.

Moderator: Herr Matschie, wenn Sie sich den Mitlesern bitte kurz vorstellen würden?

Christoph_Matschie: Ich bin Vorsitzender der SPD Fraktion im Thüringer Landtag und Mitglied des Präsidiums der SPD. Bin 46 Jahre alt, habe 3 Kinder und klettere gern in den Bergen herum.

Moderator: Die ersten Fragen aus der Community sind eingetrudelt…
Frage von flitzer an Christoph Matschie: „Wie stehen Sie zum Modell der Bildungsgutscheine, wie es ja von der FDP gefordert wird?“

Christoph_Matschie: Ich finde Bildung sollte ohne finanzielle Barrieren allen zugänglich sein. Dann braucht es auch kein System von Bildungsgutscheinen.

Moderator: Frage von Pantalaimon an Christoph Matschie: „Herr Matschie. wofür steht die Thüringer SPD? Favorisieren sie das klassische Dreigliedrige System, oder wollen sie, d.h ihre LandesSPD ein neues System nach dem PISA-Schock probieren?“

Christoph_Matschie: Wir wollen in Thüringen das Modell einer Gemeinschaftsschule einführen. Die Kinder sollen bis einschließlich 8. Klasse gemeinsam lernen. Sie sollen individuell gefördert werden und dort wo gewünscht sollen ganztägige Schulangebote zur Verfügung stehen. Das dreigliedrige Schulsystem lässt zu viele Kinder auf der Strecke und ist im internationalen Vergleich bei den Leistungen nur mittelmäßig.

Moderator: Frage von huch an Christoph Matschie: „Sie sagen, das Bildung ohne Barrieren möglich sein sollte. Dem stimme ich im Grundsatz ja zu. Trotzdem haben reiche Familien die Möglichkeit, ihr Kind auf Privatschulen zu schicken, was armen Familien vorenthalten bleibt. Denken Sie nicht, dass Bildungsgutscheinde da ein wenig abhelfen können?“

Christoph_Matschie: Wir brauchen ein gutes öffentliches Schulsystem, das allen Kindern Chancen bietet. Die Privatschule kann kein Ersatz dafür sein. Deshalb will ich dass wir mehr in das öffentliche Schulsystem investieren. Nur Staaten mit hervorragenden Bildungssystemen, die möglichst allen Kindern optimale Voraussetzungen bieten, werden in Zukunft auch gute wirtschaftliche Entwicklungschancen haben.

Moderator: Frage von Frame an Christoph Matschie: „Warum diskutiert man immer, ob ein dreigliedriges oder ein Gesamtschulsystem besser sei? Ist es nicht möglich, alle Systeme nebeneinander anzubieten und den Eltern die Wahl des Systems so zu überlassen?“

Christoph_Matschie: Wir wollen die Gemeinschaftsschule als neues Modell anbieten. Eltern, Lehrer und Kommunalpolitiker müssen dann vor Ort gemeinsam entscheiden, ob sie diesen Weg gehen wollen. Staaten wie Finnland, die das Gemeinschaftsschulmodell umgesetzt haben, haben damit gute Erfahrungen gemacht.

Moderator: Frage von yamm an Christoph Matschie: „Ab welchem Alter sollten Kinder Ihrer Meinung nach Kindertagesstätten besuchen?“

Christoph_Matschie: Das müssen die Eltern entscheiden. Aufgabe des Staates ist es den Bedarf an Kindergartenplätzen abzudecken. Meine Kinder sind mit eineinhalb Jahren in den Kindergarten gegangen.

Moderator: Frage von Steinchen. an Christoph Matschie: „Wie stehen Sie zum Ganztagsschulmodell? Angebot? Pflicht? Oder steht es gar nicht zur Disposition?“

Christoph_Matschie: Ganztagsschule muss ein Angebot sein. Auch hier müssen die Eltern gemeinsam mit den Schulträgern entscheiden, ob die Ganztagsschule für alle Schüler verpflichtend organisiert werden soll oder ob sie als offenes Angebot organisiert wird. In den meisten anderen Ländern findet Schule ganz selbstverständlich auch am Nachmittag statt.

Moderator: Frage von Illu an Christoph Matschie: „In Berlin diskutiert man ja immer noch die Frage, inwiefern Religion ein (Wahl)pflichtfach an der Schule sein soll. Wie ist ihre Meinung dazu?“

Christoph_Matschie: Ich finde es sinnvoll, wenn Schüler sich mit Religion oder Ethik befassen müssen.

Moderator: Frage von Pantalaimon an Christoph Matschie: „wie stehen sie dazu das viele Kindergärten, die isch evangelisch oder katholisch nennen zu 90% vom Staat bezahlt werden. Wie sieht es da mit der Trennung von Staat und Kirche aus?“

Christoph_Matschie: Viele Kindergärten werden von sogenannten freien Trägern betrieben, dazu gehören nicht nur Kirchen sondern auch Organisationen wie Rotes Kreuz oder Arbeiterwohlfahrt. Sie übernehmen damit eine Aufgabe, die sonst von der Kommune erfüllt werden muss. Deshalb ist es gerechtfertigt, wenn sie aus öffentlichen Mittel bei dieser Aufgabe unterstützt werden.

Moderator: Frage von Tinitus an Christoph Matschie: „Sollte man dann nicht jede Religion als Wahlfach zur Auswahl stellen? Oder ist man in Deutschland zwingen auf die christlichen festgelegt?“

Christoph_Matschie: Religionsunterricht sollte nicht nur die christliche Religion vermitteln. Islam Unterricht sollte dort, wo Muslime leben genauso selbstverständlich sein.

Moderator: Frage von Illu an Christoph Matschie: „Warum setzt man in Deutschland immer noch so sehr auf die Bildungshoheit der Länder. Wäre es nicht zumindest aufgrund der besseren Vergleichbarkeit der Abschlüsse, der gestiegenen Anforderungen etc. angebrachter, man würde zumindest bundesweite geltende Abschlussarbeiten vorgeben? Die Sache der Terminfindung müsste doch machbar sein…“

Christoph_Matschie: Ich bin dafür die Frage von nationalen Bildungsstandards, die für alle Schulen in Deutschland gelten und die Frage von Abschlüssen in die Entscheidung des Bundes zu geben. Leider wurde vor kurzem bei der Reform der Aufgabenverteilung zwischen Bund und Ländern, die Bildungshoheit der Länder weiter gestärkt. Ich sehe die starke Zersplitterung der deutschen Bildungssystems mit Sorge.

Moderator: Frage von Backo an Christoph Matschie: „Hat die SPD neue Schulkonzepte als die alten Ideen der 70er Jahre? Wenn ja, was ist an dem aktuellen Gesamtschulprogramm anders als an dem gescheiterten Gesamtschulkonzepten der 70er Jahre?“

Christoph_Matschie: Unser Konzept der Gemeinschaftsschule beinhaltet nicht nur die äußere Struktur von Schule. Wir wollen neue pädagogische Konzepte umsetzen. Kinder unterschiedlicher Leistungsfähigkeit lernen gemeinsam in einer Klasse. Sie lernen dabei aber nach individuellen Lernplänen, je nach ihrem Leistungsstand. Die Grundidee ist Kinder und Jugendliche nicht als Schulklasse zu begreifen, sondern sie individuell zu fördern. Dabei können sie auch voneinander lernen. Das erfordert auch eine neue Lehrerbildung und Weiterbildung.

Moderator: Frage von flitzer an Christoph Matschie: „Sollte man die Frage, ob und in welcher Höhe man Studiengebühren verlangt, nicht den Universitäten selbst überlassen? Natürlich mit einer Obergrenze.“

Christoph_Matschie: Ich bin gegen Studiengebühren. Bildung muss ohne finanzielle Barrieren zugänglich sein. Das gilt letztendlich vom Kindergarten bis zur Hochschule.

Moderator: Frage von Steinchen. an Christoph Matschie: „Gibt es in Ihren Augen ein sozialverträgliches Studiengebührenmodell?“

Christoph_Matschie: Alle Studiengebührenmodelle stellen eine zusätzlich finanzielle Belastung für Studierende dar. Deshalb bilden sie eine Hürde für Jugendliche aus ärmeren Verhältnissen. Auch wenn man die Gebühren erst nach dem Studium zahlen muss, geht man doch mit einer finanziellen Bürde ins Berufsleben.

Moderator: Frage von Backo an Christoph Matschie: „Wieso glauben Sie, dass eine so große Diskrepanz zwischen Beamten- und Arbeiterkindern hinsichtlich der Bildungspartizipation besteht? Angesichts frührer kostenloser Bildungsangebote und von BAFöG kann man auch ohne jede finanzielle Unterstützung durch die Familie studieren (ich z.B.).“

Christoph_Matschie: Soweit mir bekannt ist, sind Kinder aus Akademikerfamilien deutlich stärker auf Gymnasien und Hochschulen vertreten als Kinder aus „bildungsferneren“ Familien. Mit dem Beamtenstatus hat das weniger zu tun. Um solche Unterschiede wenigstens zum Teil auszugleichen ist es wichtig schon durch gute frühkindliche Bildung (Kindergarten) und individuelle Förderung für bessere Chancen für die Kinder zu sorgen, die nicht so stark vom Elternhaus gefördert werden.

Moderator: Da wir uns nun so langsam dem Ende nähern: Darf ich eine Frage reinstellen, die nicht unbedingt etwas mit dem heutigen Thema zu tun haben, Herr Matschie?

Christoph_Matschie: ja klar.

Moderator: prima 🙂
Moderator: Frage von DeeJay an Christoph Matschie: „Herr Matschie, ich hoffe, Sie gestatten aus aktuellen Anlässen auch Fragen, die nicht zum Thema Bildung gehören?! Wie standfest werden Sie bei Ihrer Aussage bleiben, nur dann (wenn überhaupt) eine Koalition mit der LINKEN in Thüringen zu schmieden, wenn SIE Ministerpräsident werden, wenn wie jetzt in Umfragen die LINKE VOR der SPD liegen sollte?“

Christoph_Matschie: Die Thüringer SPD hat in einem Mitgliederentscheid mit über 70% für meine Position gestimmt, nur dann mir der LINKEN zu koalieren, wenn die SPD den Ministerpräsidenten stellen kann. An dieser Position kann also keiner rütteln. Wir haben gute Chancen bei der nächsten Landtagswahl vor der LINKEN zu liegen. Bei der letzten Bundestagswahl waren wir es und auch bei den Kommunalwahlen 2006.

Moderator: Das war das Chat-Event für heute, die Stunde ist leider schon vorbei. Vielen Dank Herr Matschie, dass Sie sich heute für uns Zeit genommen haben! Ich habe auch noch ein paar Fragen über, die leider nicht mehr reingestellt werden konnten. Darf ich Ihnen diese per Mail zukommen lassen? Ich würde die Antworten dann bei dol2day veröffentlichen.

Christoph_Matschie: Schicken Sie die Fragen ruhig per Mail. Schönen Abend und vielen Dank für die interessanten Fragen.

Moderator: Vielen Dank, Herr Matschie, und Danke auch an alle Fragengeber! Ich wünsche allen Mitlesern noch einen schönen Abend, bis bald! Wer nun Interesse hat, abseits unserer Community noch die Aussagen Frau Fischbachs zu bewerten, sollte einen Blick zu unserem Partner „trupoli“ werfen. Unter » www.trupoli.com kann man nun exklusiv schon die ersten Aussagen bewerten.

Quelle: » www.dol2day.de
» Video des Thüringer Augenzeugen zum chat

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