Länger gemeinsam lernen …

Längeres gemeinsames Lernen in Thüringens Schulen und mehr Entscheidungsfreiheit für die Hochschulen – Christoph Matschie, der Ministerpräsidentenkandidat der SPD, beantwortet die Fragen der Thüringischen Landeszeitung (TLZ) zu den bildungspolitischen Schwerpunkten der SPD.

TLZ: Herr Matschie, wollen Sie die ZVS abschaffen?

Matschie: Ich bin davon überzeugt, dass wir den Hochschulen die Möglichkeit geben sollten, ihre Studierenden weitgehend selbst aussuchen zu können. Das macht am Ende die ZVS überflüssig.

TLZ: Warum ist die direkte Auswahl an den Unis wichtig?

Matschie: Wenn wir mehr Wettbewerb der Hochschulen wollen, dann gehört das mit dazu. Das hat der Wissenschaftsrat mit seiner Empfehlung gerade bestätigt.

TLZ: Und was sagt Ihre Ministerin dazu?

Matschie: Edelgard Bulmahn hat eindeutig klargestellt, dass sie offen ist für Veränderungen in diesem Bereich und dass sie nicht an der ZVS festhält. Die ZVS ist aber eine Einrichtung der Länder. Sie müssen auch die Entscheidung treffen.

TLZ: Überfüllte Vorlesungssäle, Pflichtveranstaltungen fallen aus, die Finanzausstattung der Hochschulen wird immer dünner. Das sagen die demonstrierenden Studierenden. Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus hat das zurückgewiesen. Was sagen Sie, Herr Matschie?

Matschie: Selbst von den Hochschulleitungen im Freistaat ist immer stärker die Klage zu hören: Wir können den Studierenden nicht mehr garantieren, dass sie in der Regelstudienzeit ihr Studium abschließen können. Deshalb kann ich nur sagen: Herr Althaus sollte sich mal wieder in einer Universität blicken lassen und dort mit den Studierenden und Professoren reden. Er hat offensichtlich keine Ahnung, was im Land los.

TLZ: Die Jenaer Professoren Uwe Cantner und Andreas Freytag haben in einem TLZ-Gastbeitrag den Weg zu besseren Hochschulen gewiesen. Freiheit spielt dabei eine gewichtige Rolle…

Matschie: Ich habe diese Überlegungen mit großem Interesse gelesen. Die beiden Wissenschaftler haben viele sinnvolle Vorschläge gemacht. Ich bin mit ihnen einer Meinung, dass wir Spitzenleistungen an den Hochschulen nur über Wettbewerb entwickeln können. Dazu gehört, dass die Hochschulen größere Freiheit genießen, über ihre Angelegenheiten selbstständig zu entscheiden. Das betrifft die Auswahl der Studierenden, die Berufung der Professoren, deren Besoldung… Ich glaube, dass wir inzwischen mitten in einer sehr interessanten Debatte sind über die Entwicklung der Hochschulen. Ich glaube, dass dazu auch gehört, dass in Thüringen der Hochschulpakt noch einmal gründlich überdacht wird. So, wie er jetzt ausgestaltet ist, verhindert er die Weiterentwicklung der Thüringer Hochschulen.

TLZ: Die Professoren Cantner und Freytag sagen aber auch: Bis 2006 wird sich die Elite noch nicht im Wettbewerb herausgebildet haben. Ein Sieger stehe dann noch nicht fest…

Matschie: Da liegt ein Missverständnis vor. Das Bundesbildungsministerium geht nicht davon aus, dass wir 2006 schon Spitzenuniversitäten in diesem Sinne haben. Wir haben vielmehr einen Wettbewerb der Universitäten angeregt, bei dem die Besten zusätzliche Mittel erhalten, um Spitzenleistungen weiter zu entwickeln. Klar ist: Wer international Spitze sein will, muss sich auf einen längeren Weg einlassen. Und: Universitäten erwerben sich diesen Ruf auch nicht ein für allemal, sondern müssen international ständig darum kämpfen.

TLZ: Die Jenaer Professoren schlagen Studiengebühren und Bildungsgutscheine vor. Passt das in Ihr Konzept?

Matschie: Zunächst geht es um die größere Entscheidungsfreiheit der Hochschulen. Unter den gegenwärtigen Bedingungen machen Studiengebühren keinen Sinn. Wenn man sie im Gesamtrahmen einer Reform in Betracht zieht, kommt es vor allem darauf an, dass mit Studiengebühren keine soziale Hürde aufgebaut wird. Wir dürfen nicht zulassen, dass Studieren vom Geldbeutel abhängig gemacht wird. Deshalb muss über diesen Punkt und seine mögliche Ausgestaltung sehr genau nachgedacht werden. Insofern halte ich den Vorschlag der Professoren an diesem Punkt noch nicht für ausgereift.

TLZ: Der Iglu-Test hat es gerade erst wieder gezeigt: Grundschulkinder werden sehr stark nach der familiären Herkunft bewertet… Gerecht ist das nicht.

Matschie: Es ist ein erschreckendes Ergebnis, wenn die Hälfte der Viertklässler eine falsche Laufbahnempfehlung erhalten. In Baden-Württemberg hat der Sohn eines Arztes eine fünf Mal größere Chance auf das Gymnasium geschickt zu werden als der Sohn einer Putzfrau – und das bei den gleichen schulischen Leistungen wohlgemerkt. Mein Vorschlag: Wir sollten Kinder länger gemeinsam lernen lassen. Zugleich sollte es im Unterricht viel mehr individuelle Betreuung mit Blick auf die Stärken und Schwächen geben. Im internationalen Vergleich zeigt sich: Das frühe Sortieren der Kinder verfestigt soziale Unterschiede. Und: Die guten Bildungssysteme anderer Länder kennen ein solch frühes Sortieren nicht.

TLZ: Die falschen Laufbahneinschätzungen zeigen doch vor allem auch eines: Wir können mit dem Begriff Elite nicht umgehen. Häufig wird er als etwas Ererbtes angesehen, als eine familiäre Zugehörigkeit, in die ein Kind hineingeboren wird. Was aber meinen Sie mit Elite?

Matschie: Elite kann sich nur aus Leistung ergeben, Elite ist keine Frage der Herkunft. Wer Leistung bringt, wer motiviert ist, muss gute Chancen haben.

TLZ: Aber bringt diese Motivation der Schüler nicht doch vor allem von zu Hause mit?

Matschie: Es ist nicht einfach zu beantworten, wie wir mehr Movitation erzeugen können an den Schulen, bei den Lehrern, bei den Schülern und bei den Eltern. Nach mehrjährigen Diskussionen zu diesem Thema meine ich aber, dass wir mehr Motivation nur dann erzeugen können, wenn wir den Schulen mehr Entscheidungsfreiheit geben. Wir können das an den Modellbeispielen sehen,

TLZ: … also beispielsweise an Schulen in freier Trägerschaft…

Matschie: dass dadurch mehr Motivation bei allen Beteiligten entsteht. Auch die Schüler identifizieren sich dort mehr mit ihrer eigenen Schule, weil sie mitgestalten und mitentscheiden dürfen. Gelingen kann dies aber nur, wenn wir es schaffen, nationale Bildungsstandards zu definieren, die dann für alle Schulen in ganz Deutschland gelten.

Quelle: TLZ

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