Vor 20 Jahren


Wilfried Regenhardt

– Er geleitete mich betont höflich ins Zimmer. Wir nahmen in der kleinen Sitzecke des funktional eingerichteten Arbeitsraumes Platz. Seine Hände glitten sekundenlang nervös durch Papiere um schließlich Halt an einem Kugelschreiber zu finden. „Ja, nun, Ihre Landesgeschäftsstelle hat ja bereits Räume in der Meister-Eckehart-Straße im Haus der DSF zugew… äh erhalten. Jetzt geht es wohl um Fahrzeuge“, sagte er mit eigentümlich rauer Stimme.

Wenige Tage nach Gründung des SPD-Landesverbandes war ich bei Horst Lang, stellvertretender Vorsitzender des Rates des Bezirkes Erfurt, um die Übergabe dreier Fahrzeuge der aufgelösten Bezirksverwaltung der Staatssicherheit auf den Weg zu bringen – unsere Geschäftsstelle musste schnellstens arbeitsfähig werden.

– Der bewaffnete Volkspolizist am Eingang musterte mich streng, als ich ihn nach dem Weg zu den Besetzern der Stasizentrale fragte. „Rede mal mit denen“, hatte der Landesvorsitzende gesagt. Hintergrund: Im Vorfeld der ersten freien Volkskammerwahlen war es der Erfurter Bürgerbewegung gelungen, das System der verschlüsselten internen Verweise in den Karteien der Stasi zu überwinden. Ihr Wissen hatten sie genutzt um Kandidaten auf Verbindungen zur Staatssicherheit zu überprüfen. Das war für uns interessant, für ehemalige Stasimitarbeiter hingegen gefährlich.

Wir sprachen über Drohanrufe, einen provozierten schweren Unfall auf der Autobahn nach Berlin und andere Erlebnisse, als die Tür aufgerissen wurde. Herein stürmte ein älterer Mann im Anzug. Es war Schenk, Beauftragter für die Auflösung der Stasibezirksverwaltung Erfurt. Er habe von allerhöchster Stelle – „und damit meine ich nicht Schwanitz“ – den Auftrag die Zugriffe der Erfurter auf die Spitzelkarteien zu unterbinden. Die ständigen Veröffentlichungen störten die „geordnete Vorbereitung der freien Wahlen“. Als Büchner anbot, man könne natürlich auch die Besetzer in Berlin und anderswo anleiten, um gleiche Bedingungen zu schaffen, hieß es wörtlich: „Ich sag es letztmalig: Entweder Sie hören auf, oder wir bringen Sie in den Knast!“

Alte Geschichten. Wirklichkeit vor 20 Jahren, wenig spektakulär.
Natürlich gab es auch die großen, die viel beschriebenen bewegenden Momente auf dem Gründungsparteitag der Ost-SPD in der Kongresshalle zu Berlin, mit Brandt in Erfurt und schließlich im Tivoli in Gotha; auch die herben Enttäuschungen, deren schmerzlichste für mich noch immer die verlorene Volkskammerwahl ist. Es gab das aufopfernde Engagement von Rudi Arndt, der Genossen von Hessen-Süd (maßgeblich organisiert durch Armin Hoffarth), und vieler Ungenannter.

Als ich vor wenigen Tagen gefragt wurde, ob ich etwas zum 20. Jahrestag der Gründung unseres SPD-Landesverbandes schreiben würde, habe ich zugesagt. Doch wie meinte kürzlich eine Weimarer Genossin: „Es ist schwer, erlebte Geschichte vor Zeitzeugen auszudeuten“. Sie hat wohl Recht. Auch war die Vorgabe von rund 2000 Zeichen eher knapp. So entschied ich, zwei Momentaufnahmen aus jenen Tagen für sich sprechen zu lassen, um ein Gefühl für eine Zeit zu vermitteln, in der Ungewissheit und Veränderung alltäglich waren. Eine Zeit in der sich abzeichnete, dass bald auch im persönlichen Leben eines jeden DDR-Bürgers kein Stein mehr auf dem anderen bleiben würde. Eine Zeit in der unendlich viel Hoffnung war und Zuversicht. Und der Mut und der Wille die Zukunft zu gestalten. In jenen Tagen haben wir den Landesverband der SPD gegründet. Weil wir es richtig fanden für den Anderen einzustehen, weil wir wirkliche Freiheit und wirkliche Gerechtigkeit wollten. Für alle.
Dafür stehen wir. Wer, wenn nicht wir.

Wilfried Regenhardt
Der Autor war erster Pressesprecher der SPD Thüringen und ist heute Mitglied im Landesvorstand. Die harten Fakten kann man bei Matthias Bettenhäuser/Sebastian Lasch nachlesen. Veröffentlicht in „Parteien in Thüringen“, Schmitt/Oppelland , ISBN 978-37700 52929.

Kurzer Abriß zur Geschichte des Landesverbandes

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